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HeiENTEC | Das C-N-P-Verfahren in der modernen Abwasserbehandlung
Eine aktuelle Studie der Princeton University zeigt: Weltweit werden die Treibhausgas‑Emissionen aus dem Abwassersektor deutlich unterschätzt. Nach neuen Berechnungen fehlen jedes Jahr 94 bis 150 Millionen Tonnen CO₂‑Äquivalente in den offiziellen Klimabilanzen – eine Größenordnung, die in etwa den Emissionen des internationalen Luftverkehrs entspricht. Viele Länder geben ihre Emissionen aus Kläranlagen um 19 bis 27 Prozent zu niedrig an.
Kläranlagen brauchen viel Energie und erzeugen gleichzeitig klimawirksame Gase. Weltweit verbraucht die Abwasserbehandlung rund 0,8 bis 4 Prozent des gesamten Stroms. Neben CO₂ aus dem Strommix entstehen in den Anlagen vor allem Methan und Lachgas – beide deutlich klimaschädlicher als Kohlendioxid. Zusammengenommen verursacht der Sektor etwa 5 bis 6,5 Prozent der weltweiten Nicht‑CO₂‑Treibhausgase.
Für die neue Analyse hat das Forschungsteam Klimaberichte von 38 Ländern auf fünf Kontinenten ausgewertet, darunter 26 Industrie‑ und 12 Schwellenländer. Ergebnis: Allein in diesen Staaten werden jährlich rund 73 Millionen Tonnen CO₂‑Äquivalente aus der Abwasserbehandlung nicht erfasst – im Schnitt 26,5 Prozent mehr, als bisher gemeldet. Besonders groß sind die Abweichungen beim Lachgas, aber auch beim Methan liegen viele Länder deutlich unter den realistischen Werten. In Extremfällen wie Spanien (Methan) oder Finnland (Lachgas) könnten die tatsächlichen Emissionen um mehrere Hundert Prozent höher liegen als offiziell angegeben.
Ein wesentlicher Grund für diese Lücke sind veraltete Berechnungsgrundlagen. Viele Staaten nutzen noch IPCC‑Leitlinien von 2006. Damals ging man davon aus, dass gut belüftete Anlagen kaum Methan emittieren, und setzte für Lachgas sehr niedrige Standardwerte an. Die überarbeiteten IPCC‑Regeln von 2019 enthalten zwar höhere und differenziertere Emissionsfaktoren, werden aber längst nicht überall angewendet. Zudem bleiben wichtige Quellen in vielen nationalen Inventaren unberücksichtigt – etwa Latrinen, unbehandeltes Abwasser, undichte Kanäle oder Überläufe. Gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern spielen diese Pfade eine große Rolle; rund drei Viertel der Emissionslücke entfallen auf zwölf aufstrebende Volkswirtschaften.
Die Forschenden um Z. Jason Ren betonen, dass präzise Daten eine Grundvoraussetzung sind, um geeignete Minderungsstrategien zu entwickeln. Wer nicht weiß, wie hoch die Emissionen tatsächlich sind und wo sie entstehen, kann Investitionen und technische Verbesserungen kaum zielgerichtet planen. Hinzu kommt: Kläranlagen sind langlebige Infrastrukturen. Entscheidungen zu Technik, Verfahren und Betriebsweise wirken über Jahrzehnte – Fehlannahmen in der Klimabilanz führen daher zu langfristigen Fehlsteuerungen.
Bisher standen Verkehr und Energieerzeugung im Zentrum der Klimadebatte, während der Abwassersektor eher im Schatten blieb. Die neuen Erkenntnisse machen deutlich: Wer globale Klimaziele ernst nimmt, kann die Emissionen aus Kläranlagen nicht länger ausblenden. Gerade Methan- und Lachgasemissionen bieten ein erhebliches Minderungspotenzial, wenn sie konsequent erfasst und adressiert werden – etwa durch optimierte Prozessführung, angepasste Belüftung, verbesserte Schlammbehandlung und den gezielten Einsatz energieeffizienter Verfahren.
Für Betreiber bedeutet das: Klimaschutz beginnt längst nicht mehr nur am Schornstein, sondern auch im Belebungsbecken. Eine moderne, datenbasierte Betrachtung von Energieverbrauch, Prozessstabilität und Emissionen wird künftig ebenso wichtig sein wie die sichere Einhaltung von Ablaufgrenzwerten.